Kern der veränderten Sichtweise des Kindes, die dem Konzept des Offenen Kindergartens zu Grunde liegt, ist es, die Selbstbestimmung und die Selbsttätigkeit des Kindes, die Achtung vor seiner Einmaligkeit und das Vertrauen in seine Entwicklungskräfte ins Zentrum der Pädagogik stellen.

Der Offene Kindergarten als Konzept ist gut zwanzig Jahre alt; viel älter schon sind die Gedanken und Grundaussagen vom Menschsein, die diesem Konzept zugrunde liegen.

Das Kind als Akteur seiner Entwicklung (Jean Piaget - 1896-1980)
Nach Piaget ist Entwicklung eine schöpferische Aktivität, die durch die Umwelt zwar beeinträchtigt oder gefördert, aber nie gemacht oder geplant werden kann. Der Mensch entwickelt sich. Wie schon gesagt: Piaget forderte nicht, dass Kinder alles tun können, was sie wollen, verlangte aber, dass sie wollen, was sie tun. Nach Piaget können und sollen Kinder ihre Entwicklungsprozesse selbst gestalten (übrigens: einem Säugling gestatten wir das in der Regel, indem die Mutter sich auf seine Bedürfnisse nach Nähe und Nahrung einstellt). Um ihre Entwicklungsprozesse selbst gestalten zu können, bedürfen Kinder einer Umgebung, die ihnen Anregung und Herausforderung bedeutet für Experiment und Entdeckung. Da Lernprozesse nach Piaget immer mit Handlungen verbunden sind,, lernen Kinder am intensivsten, wenn ihnen handelnde Auseinandersetzung und Manipulation von Objekten und in Situationen möglich ist.

"Hilf mir, es selbst zu tun" (Maria Montessori - 1870-1953)
Montessori erforschte u.a., unter welchen Bedingungen sich Kinder konzentrieren können. Sie fand heraus, daß dazu Freiheit unbedingt notwendig ist. Kinder müssen ihre Tätigkeit frei wählen können, ihre Spielpartner, ihr Tempo sowie die Dauer der Beschäftigung selbst bestimmen und außerdem in ihrer Umwelt Materialien vorfinden, mit denen sie sich selbständig handelnd auseinandersetzen können. "Das Kleinkind weiß, was das beste für es ist...
Aber statt es unsere Wege zu lehren, lasst  uns ihm Freiheit geben, sein eigenes kleines Leben nach seiner eigenen Weise zu leben. Dann werden wir, wenn wir gut beobachten, vielleicht etwas über die Wege der Kindheit lernen."..."Wir sind in genau derselben Situation wie der törichte Frosch, wenn wir es nur sehen könnten. Dieses kleine Leben, das wir zu modellieren bemüht sind, braucht kein Drängen und Quetschen, kein Verbessern und Bemäkeln, um seine Intelligenz und seinen Charakter zu entwickeln. Die Schöpfung achtet auf die Kinder ebenso, wie sie dafür sorgt, dass die Kaulquappe zum Frosch wird, wenn die Zeit dazu da ist." 1)

Spontanaktivität des Kindes (Margarete Schörl - 1912-1991)
Grundlage der Pädagogik M. Schörls ist das Evangelium, der Glaube an die Einmaligkeit eines jeden Menschen und die Achtung vor dem Anderen. Nach Schörl kann kein Erzieher oder Lehrer die Spontanaktivität des Kindes ersetzen, wohl aber durch Verbote, Gebote, Anleitungen und Anweisungen unterdrücken. Spontan heißt: von innen kommend. Spontaneität ist die noch unverformte vitale Aktivität. Das spielende Kind ist ihrer Ansicht nach geradezu der Prototyp des durch Spontaneität und Initiative sich selbst seine Welt schaffenden Wesens. Da dem Kleinkind sein Tun wichtiger ist als das Ziel seines Tuns, sollen Kinder immer neu mit Spielraum, Spielmaterial und Spielideen konfrontiert werden.

Das Recht auf den heutigen Tag (Janusz Korczak - 1878-1942)
Auch J. Korczak versuchte, den Menschen in seiner Einmaligkeit (und damit auch in seinem Recht auf Anderssein) zu entdecken und zu beschreiben. Eine klare Absage erteilt er den Pädagogen, die aus einer Defizitorientierung heraus Kinder betrachten, also in  erster  Linie Kinder dahingehend ansehen, was sie  noch  nicht können, anstatt wahrzunehmen,  was  ein  Kind schon alles kann. "Wir sollten Achtung  haben vor der gegenwärtigen  Stunde, vor  dem  heutigen Tag. Wie soll ein Kind imstande sein, morgen zu leben, wenn wir ihm heute nicht gestatten, ein vertrauensvolles und bewußtes Leben zu führen."

Hungrig nach Leben und Aktivität (Celestine Freinet - 1896-1966)
Kinder seien stets angefüllt mit Erlebnissen, Erfahrungen und Handlungsideen, schreibt Freinet, eben "hungrig nach Leben und Aktivität". Er kritisierte die Erwachsenen, da sie seiner Ansicht nach das kindliche Tun an ihren eigenen (erwachsenen) Zielvorgaben messen und nach Defiziten suchen. Ähnlich wie Korczak war es Freinet wichtig, Kindern zu erlauben, im Jetzt und Hier zu sein, die Größe ihrer Persönlichkeit zu erleben statt noch vorhandener Defizite. Gleich Piaget gesteht Freinet den Kindern sehr viel Eigenaktivität im Entwicklungsprozess zu. Erzieher sollten sich damit begnügen, eine anregende und herausfordernde Entwicklungsumgebung zu gestalten. Freinet betont die Fähigkeit der Kinder zur Verantwortung: "Das Kind, dem man Aktivitäten anbietet, die seinen physischen und psychischen Bedürfnissen entsprechen, ist immer diszipliniert..." Laut Freinet ist die Voraussetzung für verantwortungsvolles Handeln, dass das Kind spürt, dass seine Tätigkeit den eigenen Triebfedern entspringt, wenn es nicht von außen gelenkt wird, sondern aus eigenem Antrieb und eigenen Zielen folgend handeln kann. 2)